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Neue Horizonte

Neue Horizonte

Wissenschaftliches Arbeiten eröffnet neue Einblicke und manchmal gelingt es auch, aus einer völlig neuen Perspektive auf das eigene Fach zu blicken und hierdurch den Erkenntnisgewinn entscheidend zu befördern. 

So verfolgte in den Anfangsjahren der jungen Universität die erste deutsche Germanistikprofessorin Agathe Lasch eine Strategie, die erstmals soziale Beziehungen und kulturelle Prägung in die Deutung der Sprachgeschichte einbezog. Ihr Zeitgenosse, der „Einstein der Kunstgeschichte“ Erwin Panofsky betrachtete Kunstwerke nicht mehr nur formal, sondern in einem kulturhistorischen Zusammenhang, um auch ihren Inhalt deuten zu können.

Die Hamburger Schule der Kunstgeschichte

Die inhaltliche Deutung von Kunstwerken mit Hilfe aller verfügbaren, auch historischen Quellen ist der Kern von Erwin Panofskys ikonologischer Methode. Die bis dahin allein gültige Formanalyse ist darin enthalten. Sein dreistufiges Interpretationsschema entstand in Hamburg, wo Panofsky das 1921 gegründete Kunsthistorische Seminar leitete. Hier traf er auf Aby Warburg und seine Kulturwissenschaftliche Bibliothek, den Philosophen Ernst Cassirer und eine Gruppe motivierter Studierender. 1933 von den Nationalsozialisten entlassen, emigrierte Panofsky in die USA. 60 Jahre später knüpfte Martin Warnke mit der Politischen Ikonografie wieder an die „Hamburger Schule“ an.
Seminar-Ausflug: Studierende und Erwin Panofsky, um 1930
Warburg-Archiv im Warburg-Haus
Seminar-Ausflug (Erwin Panofsky, rauchend, 3.v.r.), um 1930

„… das Wort in das Leben einstellen.“

Mit diesem soziolinguistischen Forschungsansatz war Agathe Lasch ihrer Zeit weit voraus. Angewendet auf ihr Fachgebiet, die niederdeutsche Sprach- und Literaturwissenschaft, untersuchte Lasch sprachlichen Wandel nicht länger nur auf der Lautebene, sondern auch aus sozial-, kultur- und politikgeschichtlicher Perspektive. Die Hamburger Universität verdankt ihrer ersten Professorin zwei einflussreiche Wörterbuchprojekte, daneben entstanden weitere wegweisende Veröffentlichungen. Als Jüdin musste die visionäre Stadtsprachenforscherin die Universität 1934 verlassen. 1942 haben die Nationalsozialisten Agathe Lasch ermordet.
Agathe Lasch in ihrer Wohnung in der heutigen Gustav-Leo-Straße 9, 1930
Satu Helomaa, Kauniainen, Finnland (aus dem Nachlass von Martta Jaatinen)
Agathe Lasch in ihrer Wohnung in der heutigen Gustav-Leo-Straße 9, 1930

Brillanter Lehrer: Erwin Panofsky (1892 – 1968)

Noch 1964 schreibt Panofsky „… und die Begeisterung der Studenten, die so gut wie ausnamslos (!) den Traditionen der ‚Hamburger Schule‘ von Anfang bis zu Ende treu geblieben sind, war etwas Unwiederholbares.“ Das Foto, das direkt hinter ihm auch seine Frau Dora zeigt, spiegelt die besondere Gemeinschaft, die ihn mit seinen Studierenden verband.
Seminar-Ausflug: Studierende und Erwin Panofsky, um 1930
Warburg-Archiv im Warburg-Haus, Hamburg
Seminar-Ausflug (Erwin Panofsky, rauchend, 3.v.r.), um 1930

Visionärer Privatgelehrter: Aby Warburg (1866 – 1929)

Als Warburg bemerkte, dass Bildmotive der Antike in späteren Epochen wiederkehren, folgerte er, dass man die Geschichte der Motive und ihre Bedeutung in der jeweiligen Zeit kennen müsse, um den Inhalt eines Kunstwerks zu erfassen. 1912 prägte der Kunsthistoriker für dieses Vorgehen den Begriff der Ikonologie.
Porträt Aby Warburg, 1925
Warburg-Institute Archive, London
Porträt Aby Warburg, 1925

Beharrlicher Brückenbauer: Martin Warnke (*1937)

Von 1978 bis 2003 Professor für Kunstgeschichte, arbeitete Warnke daran, den fulminanten Beginn seines Fachs in Hamburg wieder zu würdigen. Er bewirkte den Rückkauf des Warburg-Hauses und seine erneute wissenschaftliche Nutzung. Warnkes dort eingerichtete Forschungsstelle für Politische Ikonografie knüpft auch inhaltlich an Warburg an.
Martin Warnke im Lesesaal des Warburg-Hauses, 2017
Universität Hamburg, Foto: Michel Dingler
Martin Warnke im Lesesaal des Warburg-Hauses, 2017

Eine Ordnung nach dem „Gesetz der guten Nachbarschaft“

In Aby Warburgs halböffentlicher Bibliothek waren die Bücher nicht alphabetisch, sondern nach Problemstellungen geordnet. Für Panofsky waren die 60.000 Bände und der Austausch mit Warburg eine große Inspiration für seine Arbeit. 1933/34 emigrierten die K.B.W. nach London und Panofsky nach Princeton, beide für immer.
Lesesaal der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg, 1926
Warburg-Institute Archive, London
Lesesaal der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg (K.B.W.), 1926

Zwei in Einem

Dieses wahrscheinlich von Panofsky benutzte Gerät war Dia- und Overheadprojektor zugleich. Praktischerweise konnte es sowohl Großdias als auch Fotos oder Bilder aus Büchern projizieren, denn das Beschaffen notwendigen Bildmaterials für die Lehre war aufgrund knapper Mittel recht beschwerlich.
Triplex-Epidiaskop des Kunstgeschichtlichen Seminars, um 1925
Universität Hamburg, Kunstgeschichtliches Seminar, Mediathek, Foto: Plessing/Scheiblich
Triplex-Epidiaskop (Spiegel und Objektiv fehlen) des Kunstgeschichtlichen Seminars, Müller-Wetzig, um 1925

Selbst ist der Mann

Das Glasplattendia, vermutlich aus seiner Gotik-Vorlesung, musste Panofsky wie so viele andere selbst beschriften. 1926 soll er anlässlich seiner Berufung auf den endlich eingerichteten Lehrstuhl für Kunstgeschichte gesagt haben, bisher sei er Assistent ohne Professor gewesen und nun Professor ohne Assistent.
Von Panofsky beschriftetes Großdia der Kathedrale Laon, 1920er Jahre
Universität Hamburg, Kunstgeschichtliches Seminar, Mediathek, Foto: Plessing/Scheiblich
Von Panofsky beschriftetes Großdia „Laon, nördliches Querhaus“, 1920er Jahre

In drei Schritten zum Verständnis eines Kunstwerks

Panofskys Dreistufenmodell – formale Bildbeschreibung, ikonografische Analyse der verwendeten Motive und Symbole sowie ikonologische Bedeutungserschließung – sollte vor allem das Bewusstsein für die verschiedenen Sinnschichten eines Kunstwerks schärfen. Er entwickelte es in Hamburg, berühmt machten ihn jedoch erst seine Veröffentlichungen in den USA.
In der Ausstellung: Mitschrift während einer Übung von Erwin Panofsky durch William Heckscher, 1932

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte

In der Forschungsstelle Politische Ikonographie finden sich rund 200.000 solcher Bildkarten zu über 100 Schlagworten. Entlang dieser Schlagworte ist auch die zugehörige Spezialbibliothek geordnet. Ideale Voraussetzungen, um die zentralen Themen, Symbole und Absichten politischer Bilder von der Antike bis in die Gegenwart zu untersuchen.
In der Ausstellung: Bildindex zur Politischen Ikonographie, 1993 (1. Auflage)
In der Ausstellung: Bildkarten zum Schlagwort Gesten, ab 1991;

Die Macht der Bilder deuten

Das aus der Arbeit mit dem Bildindex Politische Ikonographie hervorgegangene Handbuch hilft, die Sprache der Bilder zu entschlüsseln. Rund 150 reich illustrierte Beiträge erläutern Ursprung, Wandel und Wirkung politischer Bildmotive.
In der Ausstellung: Martin Warnke, Uwe Fleckner, Hendrik Ziegler, Hg., Handbuch der Politischen Ikonographie, Band 1 und 2, 2011

Hamburgs erste Professorin

1926 richtet die Philosophische Fakultät eine außerordentliche Professur für niederdeutsche Philologie ein, die sie mit Agathe Lasch besetzen möchte. Gegenüber der skeptischen Hochschulbehörde muss sie begründen, warum sie „nicht umhin […] könne, für diese Stelle ausnahmsweise eine weibliche Kraft vorzuschlagen“.
In der Ausstellung: Artikel von Prof. Dr. Agathe Lasch, Hamburger Nachrichten, 4.1.1927

Leidenschaftliche Sprachforscherin: Agathe Lasch (1879 – 1942)

Als außerordentliche Professorin und Mitdirektorin des Germanischen Seminars ab 1927 konnte sich Lasch eine Wohnung mit Arbeitszimmer leisten. Ihr Arbeitspensum war enorm. Neben ihrer Forschung und Lehrtätigkeit betreute sie auch weiterhin das Hamburgische und Mittelniederdeutsche Wörterbuch.
Agathe Lasch in ihrer Wohnung in der heutigen Gustav-Leo-Straße 9, 1930
Satu Helomaa, Kauniainen, Finnland (aus dem Nachlass von Martta Jaatinen)
Agathe Lasch in ihrer Wohnung in der heutigen Gustav-Leo-Straße 9, 1930

„Mit grosser Spannung und grossem Verlangen“ erwartet

Die gespannte Fachwelt wurde nicht enttäuscht. Bis heute ist Laschs Grammatik ein Standardwerk der niederdeutschen Philologie, was auch ihr Nachdruck 1974 zeigt. Die Sprachwissenschaftlerin versah viele Einträge, bis dahin unüblich, mit erläuternden Kommentaren und bewies das lange bezweifelte Vorkommen von Umlauten im Mittelniederdeutschen.
In der Ausstellung: Agathe Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, 1914

Eine Sprachgeschichte ihrer Heimatstadt

„Berlinisch“ gilt als bedeutender Auftakt der modernen Stadtsprachenforschung. Lasch analysierte mit der ihr eigenen Akribie eine riesige Materialfülle von Kutschergesprächen bis zu Gelehrtenbriefen und schrieb: „Das Berlinische ist nicht, […] ein regelloses Gemisch in verwahrloster Form, sondern in seiner Geschichte deutlich faßbar.“
Universität Hamburg, Foto: Plessing/Scheiblich
Agathe Lasch, „Berlinisch“. Eine berlinische Sprachgeschichte, 1928
Universität Hamburg, Foto: Plessing/Scheiblich
Agathe Lasch, „Berlinisch“. Eine berlinische Sprachgeschichte, 1928

Aus der Quelle ins Wörterbuch

1923 begann Agathe Lasch mit der Arbeit an einem neuen Mittelniederdeutschen Wörterbuch. Eine ihrer Quellen war die niederdeutsche Erzählung „Reineke, der Fuchs“, die – wie Lasch auf dem Belegzettel notierte – das Wort achterstan in Vers 164 und 224 verwendet. Mit vielen weiteren floss die hier gefundene Wortbedeutung in den achterstan-Artikel der ersten Wörterbuchlieferung von 1928 ein. Zu jener Zeit existierten über 55.000 solcher Zettel.
Notiz von Agathe Lasch zum Mittelniederdeutschen Handwörterbuch, 1920er
Universität Hamburg, Institut für Germanistik, Foto: Plessing/Scheiblich
Agathe Lasch und Conrad Borchling, Hg., Mittelniederdeutsches Handwörterbuch, Erste Lieferung, a bis attik, 1928. Belegzettel Achterstan von der Hand Agathe Laschs, 1920er Jahre; Friedrich Prien, Hg., Reinke de vos, 1887

Nachschlagewerk und Forschungsinstrument

Als internationale Geschäftssprache der Hanse besaß das Mittelniederdeutsche zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert große Bedeutung. Das Wörterbuch, an dem bis heute gearbeitet wird, ist ein wichtiges Hilfsmittel für die Quellenarbeit in der Geschichtswissenschaft, für die Sprach- und Literaturwissenschaft und weitere Fachbereiche.
In der Ausstellung: Ingrid Schröder, Hg., Mittelniederdeutsches Handwörterbuch, Einundvierzigste Lieferung, Band III, Teil 3, 2019